
Auf meinem Marktplatz steht ein Spiegel
riesig hoch, 9 Meter breit
Er spiegelt dich und mich und alle hier
bei jedem Wetter, die ganze Zeit
Das ganze Viertel möcht‘ er spiegeln
das Tun und Treiben, den Verkehr,
das Paar dort mit dem Kinderwagen,
die alte Frau dort, den Briefträger
Und dann zeigt er uns noch was anderes,
was einst im Dritten Reich geschah:
Zweihundert Namen sind da zu lesen
deren Heimat unser Viertel war.
Die braune Brut hat sie verschleppt,
ermordet, zu Millionen gar
Der Spiegel hält sie alle fest
und zeigt sie uns das ganze Jahr.
Und manchmal wird das Herz mir eng
wenn ich den Wahnsinn nicht ertrag
Doch dann legt eine gute Seele
ein paar Blumen vor dem Spiegel ab.
Und sagt: Ihr seid noch nicht vergessen,
die hier gelebt, geliebt, gewohnt.
Der Spiegel nennt uns eure Namen,
in unsern Herzen lebt ihr fort.
Und sagt: Du bist hier nicht alleine
mit deiner kalten stummen Wut
sieh her: wir lassen Blumen sprechen
gegen die dumpfe braune Brut.
Auf meinem Marktplatz steht ein Spiegel
riesengroß, aus Stahl gebaut
und stünd‘ hier nicht ein Spiegel –
es täte Not, dass man ihn baut!
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T&M: BG
Ich habe mehr als 25 Jahre in direkter Nachbarschaft zu der besungenen Spiegelwand gewohnt und bin jeden Tag daran vorbei gelaufen, bis es mich gepackt hat, endlich einen Song darüber zu schreiben. Ich erinnere noch die damaligen Auseinandersetzungen 1985 im Bezirksamt, wo die CDU, zusammen mit den Republikanern, dieses Denkmal vehement bekämpft und den Bau immer wieder verzögert hat, bis schließlich der Senat die Sache an sich zog und die Errichtung des Denkmals beauftragte.

Die Spiegelwand steht vor dem Haus Düppelstraße 41, wo sich noch in den 30er Jahren eine private Synagoge befand. Sie entging der Zerstörung durch die Nazis in der „Reichskristallnacht“ nur deswegen, weil sich in der Nachbarschaft eine Tischlerei befand, die möglicherweise durch ein Feuer in Gefahr gewesen wäre. Die Reste der Synagoge sind durch den davor gebauten Neubau nicht mehr direkt zugänglich, aus dem Treppenhaus eines Nachbargebäudes kann man die Fassade noch sehen. Übrigens hat sich die CDU bei der Bemaßung der Spiegelwand durchsetzen können: Die ursprünglich geplanten 11 m Breite, entsprechend der Breite der Synagoge, wollte sie auf 7 m drücken, was zum Kompromiss von nunmehr 9 m führte. Ich frage mich heute noch, was das sollte.

