Flüchtling

Und kommst du auch von weit, weit her, getrieben vom bösen Wind,
ein kleines Bündel auf der Schulter, an der Hand ein hungriges Kind.
Seit Wochen bist du unterwegs, die Füße spürst du nicht mehr
du weißt, es muss noch weiter gehen, zurück
kann keiner mehr

Und ich sitz hier im Überfluss, hab’s warm, bin meistens satt –
ich kann nicht anders: Komm zu mir, sei willkommen,
ich geb gerne was ab

Du wärst so gern zu Haus geblieben, das kann ich gut versteh’n
doch deine Heimat ist zerstört, das ham wir im Fernsehen geseh’n
dein Haus, dein Land, dein ganzes Leben – in Trümmer gelegt und verbrannt
dein Nachbar erschossen, dein Vater verschwunden, dein Bruder
verlor den Verstand

Und ich sitz hier im Überfluss, hab’s warm, bin meistens satt –
es muss doch heißen: Komm zu mir, sei willkommen,
ich geb gerne was ab

Und wir lassen euch im Meer ersaufen, bau’n Zäune und igeln uns ein
Prügeln euch und quälen euch und lassen euch nicht herein
Dabei sind wir doch alle Flüchtige, in der Urzeit aus Afrika gefloh’n
Alle Menschen sind doch Brüder, egal welche Farbe,
welche Religion

Und wollt ihr ohne Ende morden, für den Propheten oder für den Profit?
Ihr werdet seh’n, es kommt der Tag, da gehen wir nicht mehr mit.
Ihr werdet wohl erkennen müssen, dass man Geld nicht essen kann
und dass euer Weg nur dahin führt, wo kein Mensch mehr
in Frieden leben kann.

Wir sitzen hier im Überfluss, ham’s warm, sind meistens satt –
Es kann nur heißen: Kommt zu uns, seid willkommen,
wir geben gerne was ab.

(Und dies an die, die sich in ihrer Dummheit hier die Kehle heiser schrei’n:
Wir lassen keinen im Regen steh’n, wir bitten ihn herein.
Wir schießen nicht auf Mütter, nicht auf Kinder, nicht auf Menschen
und auch wenn ihr’s nicht hören wollt: wir wollen auch nicht eure Nachbarn sein!)

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T&M: BG 2016

Mein Beitrag zur Flüchtlingsfrage: Angewidert von den medial gern verbreiteten Hasstiraden gegen Flüchtlinge aus der rechten Ecke versuchte ich, einen anderen Aspekt in den Fokus zu rücken – wie verhält man sich angesichts unserer Überflussgesellschaft gegenüber denen, die gar nichts mehr haben?

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